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vote4president.suedblog.de

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Von vote4president - Geschrieben am 10.11.2008, 5:45

Heute war ich in St. Augustine. Das ist eine schwarze katholische Gemeinde in Washington, die am Sonntagmittag einen Gottesdienst feiern. Aber wie! Mit fetzigen Gospels und traditioneller afrikanisch-amerikanischer Musik. Sehr bewegt und bewegend. Zum ersten Gottesdienst nach der Wahl von Obama hatten sich alle fein gemacht. “Mein Herz ist immer noch so voller Freude. Ich bin sicher, wir singen “Oh happy day”, sagte meine Banknachbarin. Sie hat eine Brosche aus glitzernden Buchstaben an ihren Pulli geheftet. “Obama for change”, stand darauf. Sie erzählt, dass sie Highschool-Lehrerin gewesen sei und lange Jahre Geschichte und Geografie unterrichtet hat. “Aber dass ich einen schwarzen Präsidenten noch zu Lebzeiten erleben darf, das hätte ich nicht gedacht. Obwohl ich es immer gelehrt habe.” An diesem Tag beten sie für Barack Obama, seine Familie und für all die Herausforderungen, die in der Welt auf ihn warten. Sie sind voller Hoffnung, dass er sie gut meistern wird. Und dass er die Nation wieder vereint. “Wir sind alle Glieder einer Kette und gehören zusammen”, sagt eine Frau zu mir und drückt mir beim Rausgehen die Hand.
Ich bin gespannt, wieviele Wahlversprechen Obama erfüllen kann, wenn er als erster schwarzer Präsident in das Weiße Haus eingezogen sein wird. Aber ich wünsche den Menschen hier, dass es viele sein werden. Ich werde es von Deutschland aus verfolgen.
sis Final

Von vote4president - Geschrieben am 08.11.2008, 20:34

Ich dachte mir, dass ein Besuch des Kapitols nach dieser Wahl genau das Richtige wäre. Dort findet jetzt die größte personelle Umwälzung statt, tausende Umzugswagen werden in den nächsten Wochen Capitol Hill hoch- und wieder runterrollen. Rund 7000 Stellen müssen neu besetzt werden - eine Kleinstadt zieht um. Den Berg kann man immer noch besteigen. Aber nicht mehr das Kapitol selbst: Ein langer Maschendrahtzaun versperrt mir den Weg zu dem prächtigen Gebäude. “Gesperrt wegen Bauarbeiten für die Inaugurationsfeier“, heißt es auf den Schildern. Und tatsächlich: Auf den Stufen sind Bauarbeiter zu sehen und vor allem zu hören, die bereits eifrig am Podest für das große Ereignis in mehr als zwei Monaten zimmern. 20.000 Leute sind zu Bushs Vereidigung gekommen - nach Obamas überwältigender Wahl wird mit einem Massenandrang gerechnet. Deshalb plant das “Joint Congressional Committee on Inaugural Ceremonies” die Details für die feierliche Vereidigung jetzt schon. 240.000 der kostenlosen Tickets sind bereits gedruckt - und werden vorne und hinten nicht ausreichen. Kleiner Tipp: Wer bei der Inauguration des ersten schwarzen Präsidenten dabei sein möchte, sollte sich schnellstmöglich an den Abgeordneten seines US-Staats wenden - falls vorhanden. Ansonsten ganz schnell zum VIP werden, wichtige Kontakte knüpfen und gleichzeitig ein Millionenerbe machen. Denn die Hotelpreise steigen mit jedem Tag. 15 000 Dollar kostet eine Suite im Four Seasons Hotel, wobei man mindestens für fünf Nächte buchen muss. Im Ritz-Carlton zahlt man für vier Nächte 50 000 Dollar, im Marriott direkt an der Pennsylvania Avenue kann man gleich 300 Räume für eine Million Dollar mieten. Wie gut, dass Obama alle Wählerschichten gewonnen hat und nicht nur Joe the Plumber.
Kapitol

Von vote4president - Geschrieben am 07.11.2008, 6:43

In Washington kann man jetzt billig einkaufen gehen. Schilder von McCain/Palin gibt es jetzt im Sonderangebot. Ebenso wie andere Artikel der Kampagne. Überraschend günstig, nämlich nur für zehn Dollar, kann man aber auch die frisch bedruckten “Inauguration”-T-Shirts mit den Konterfeis von Barack Obama und Joe Biden kaufen. Die beiden grinsen an jedem Straßenstand um die Wette. Wahrscheinlich wurden gleich in der Wahlnacht die Druckmaschinen angeworfen, um Obama/Biden- und Barack/Michelle-Artikel zu drucken. Besonders beliebt ist jetzt der Slogan: “Yes we did!” Den gibt es entweder ganz nüchtern mit dem Logo der Demokraten auf dem Shirt. Oder mit einem eindeutig zweideutigen Bild von Barack und Michelle. Ich konnte mich noch für keines der beiden Motive entscheiden.
Tief in die Tasche greifen musste man dagegen, wenn man heute eine Zeitung von gestern kaufen wollte. Auf der Straße wurde die “Sonderedition” der Washington Post mit dem Titel “Obama makes History” zum zehnfachen Ladenpreis verkauft: 5 Dollar. Das geht sogar noch im Vergleich zum Internet, wo die Ausgabe für 50 bis 150 Dollar verkauft wurde. Wer Interesse daran hat, kann sich gerne bei mir melden. Ich habe gestern noch eine ergattert. Über den Preis können wir gerne reden.
McCain on sale

Von vote4president - Geschrieben am 06.11.2008, 16:39

Tag Eins nach Obamas Wahl zum 44. Präsidenten der USA: Die Leute sind müde. Kein Wunder, sie haben ja auch die ganze Nacht durchgefeiert. Erholen können sich die wenigsten, denn die Urlaubstage sind hier knapp bemessen. Im Supermarkt unterhalten sich die Kassierer quer über die Wartenden hinweg. Sie freuen sich alle riesig über den Sieg des schwarzen Mannes und wirken in ihrer GIANT-Schürze richtig glücklich. Jetzt kommen bessere Zeiten, meint eine von ihnen. Die Kassierer und In-Tüten-Verpacker sind alle schwarz. Und gehören wegen ihres geringen Verdiensts zu der Gruppe, die von Obamas geplanten Steuerkürzungen profitieren wird. Oder würde. Denn ob der nächste Präsident all seine Pläne durchsetzen kann, ist an diesem Tag in diesem Supermarkt in Bethesda das einzige große Fragezeichen. Für mehr hat der Schlaf nicht ausgereicht.

Von vote4president - Geschrieben am 05.11.2008, 8:45

Was hier gerade los ist, ist unglaublich! Wie Fußball WM - nur viermal größer, lauter, euphorischer und erleichterter. Die ganze Stadt ist voller Menschen, die zum Weißen Haus pilgern. Auf ihren Füßen oder Rädern. Ein Hupkonzert von einer Demonstration, die George W. Bush in den Ohren klingen muss. Da schwingt so viel Genugtuung mit und unglaubliche Freude über das Erreichte. Viele junge Leute sind unterwegs, aber auch ältere haben die Wagen aus der Garage geholt und sind nach Downtown gekommen. Die Polizei hat die Straßen um das Weiße Haus großräumig abgesperrt, trotzdem kommt man bis zum Zaun. Da rütteln jetzt Tausende Menschen dran und rufen “Yes we can”. Die Stimmung ist unglaublich. Im Kneipenviertel Adams Morgan ist die Streetparade unterwegs - den Fußgängern gehören die Straßen. Was für eine Ausnahmesituation! Und am Dupont Circle springen die Menschen vor Begeisterung buchstäblich im Kreis. Das hat es noch nie gegeben für einen zukünftigen Präsidenten. Aber es hat ja auch noch nie so einen gegeben wie Obama.

Von vote4president - Geschrieben am 05.11.2008, 5:40

Jubel überall! Das ist ja unglaublich! Vor drei Stunden hätte das bei der Wahlparty noch keiner für möglich gehalten. Florida! Ohio! Und sogar Virginia!!!

Obwohl ich schon seit 18 Stunden wach bin, muss ich nochmal in die Stadt. Das ist ja nicht zu fassen. Juchhu!

Von vote4president - Geschrieben am 04.11.2008, 19:02

Die ersten Warteschlangen habe ich schon gesehen! Ich bin heute früh um sieben Uhr hier am nächsten Wahllokal gewesen - wow! Jede Menge Leute, die mit Thermoskannen, Zeitungen, Muffins brav und geduldig angestanden sind. Viele haben ihre Kinder mitgebracht, weil manche Schulen als Wahllokale genutzt werden und deshalb geschlossen sind. Und weil man die Kleinen früh an ihre bürgerlichen Pflichten erinnern müsse, meinte eine Mutter. In Maryland standen übrigens nur demokratische Wahlhelfer, während im heiß umkämpften Virginia Volunteers von beiden Parteien zur Stelle waren. Alle waren gelassen und glücklich, dass es endlich so weit ist. Zur Lunchzeit wird nochmal ein Ansturm erwartet, ebenso wie nach Büroschluss gegen 17 Uhr. Um die Wähler bis dahin bei Laune zu halten, waren vor allem die Demokraten besonders aktiv: Sie haben Straßenmusiker, Jongleure und Schauspieler dazu aufgerufen, die Wähler in den Schlangen zu unterhalten - damit ihnen die Wartezeit nicht allzu lange vorkommt. Auch prima: Am Straßenrand stehen und mit überdimensional großen Plakaten winken. Das ist effektiv: Ich stand neben einem wedelnden Paar auf einer Kreuzung und konnte mein eigenes Wort kaum verstehen, weil die vorbeifahrenden Autos und Lkws ständig gehupt haben. Toll finde ich auch “Soap for Hope”: Wer keine Zeit für Volunteering hat, kann sein Auto von innen oder von außen mit Seife einreiben und darauf “Hope” schreiben. Eine saubere Aktion.

Winken für Obama

Von vote4president - Geschrieben am 03.11.2008, 22:56

Die Ruhe vor dem Sturm - Washington vor der Wahl. So lässt sich der heutige Tag am besten beschreiben. Ich hatte das Gefühl, dass alle nur auf morgen warten - und zwar drängender als auf Weihnachten. Manche warteten heute auch schon auf übermorgen, um die Ergebnisse von morgen analysieren und von allen Seiten beleuchten zu können. So wie die Experten der Konferenz, bei der ich heute war. Es ging um die Mobilisierung von Wählern und die Auswirkungen der US-Wahl auf unsere Wahl nächsten September. Ohne das Ergebnis von morgen vorweg nehmen zu wollen - wie alle Redner betonten - sei klar, dass die Obama-Kampagne eine vollkommen neue Art von Wahlkampf für übermorgen geschaffen hat. Vom Offline- zum Online-Wahlkampf, von einer rein politischen Kampagne zu einer Bürgerbewegung, von einem kontrollierten zu einem interaktiven Wahlkampf, den die Partei nicht mehr dirigiert, sondern der von unten her gestaltet wird. Persönliche Kontakte durch rund fünf Millionen demokratische Volunteers, die Anrufe, Hausbesuche oder Events aller Art ausrichten, sind in diesen Wahlkampf nicht mehr wegzudenken. Wie wichtig es für die Menschen ist, um ihre Meinung gefragt zu werden und ihnen das Gefühl zu geben, dass ihre einzelne Stimme zählt, habe ich bei meiner Canvassing-Tour selbst erfahren. Ebenso wichtig, vor allem für die Jungwähler: das Internet. Ich selbst bin bei beiden Kampagnen auf der Email-Liste - was mein Postfach fast gesprengt hat. Aber auf diese Art wurden Millionen Wähler erreicht. Und Millionen Wähler hatten die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, Blogs zu schreiben, Gruppen zu organisieren und sich quer durch die USA miteinander über Politik, die Kandidaten, ihre Sorgen oder was auch immer auszutauschen. Diese “grassroots-Bewegung” wird so eingeschätzt, dass sie auf die tief gespaltene Nation bereits jetzt eine vereinende Wirkung hat. Dies gilt vor allem für die Obama-Kampagne. McCain konnte mit seinem eher traditionell geführten Wahlkampf längst nicht so viele Wähler mobilisieren geschweige denn eine Bürgerbewegung hinter sich vereinen. Wenn es also nach den Fachleuten für Wahlkampftechniken ginge, kann Obama morgen gar nicht anders als gewinnen. Vielleicht wissen das die Demokraten bereits: Auf ihrer Homepage sind allein für die Region Washington 179 Events und Partys aufgelistet. Bei den Republikanern dagegen nur vier.
Achja, die Prognose für die deutsche Wahl lautet übrigens: Wir werden bei der Bundestagswahl 2009 einige Elemente dieser neuen Art des Wahlkampfes übernehmen. Da bin ich ja mal sehr gespannt. Und freue mich schon auf übermorgen.

Von vote4president - Geschrieben am 02.11.2008, 23:22

In der Nähe vom Weißen Haus standen heute John McCain, Sarah Palin und Barack Obama und haben sich mit ihren Fans ablichten lassen. Man konnte ganz nah an sie ranrücken - denn sie waren nur aus Karton. Die drei Pappkameraden haben trotzdem jede Menge Leute angezogen und in den dazugehörigen Souvenirladen gelockt. McCain-Spielkarten, Obama-Schnapsgläser, Bobbleheads, Wahlkampf-Computerspiele, jede Menge T-Shirts, Anstecker, Aufkleber, Puzzles und anderen Souvenirkram konnte man dort kaufen. Ein Mann wollte ein Obama-T-Shirt eine Nummer größer haben: Fehlanzeige. Alle ausverkauft. Der Verkäufer sagt mir, dass die Popularität der Reihenfolge nach Obama - Palin - McCain - Biden sei. Von Joe Biden haben sie noch jede Menge, von Obama dagegen fast gar nichts mehr. Aber er rechnet damit, dass sie nach dem Wahltag massenhaft Obama/Biden-Artikel nachbestellen werden. Er zwinkert mir zu und sagt: “Die gewinnen nämlich.” Zumindest, wenn es nach seinen Kunden ginge. Dann darf Joe Biden auch wieder neben Barack Obama vor der Tür stehen. Er wurde nämlich zusammengefaltet und eingepackt, weil für einen Ladenhüter nicht so viel Platz ist.
Souvenirs

Von vote4president - Geschrieben am 01.11.2008, 23:47

Das letzte Wochenende vor der Wahl. Allein heute habe ich fünf Mails von den Republikanern und zwei von den Demokraten bekommen. Egal ob der Absender Sarah Palin oder Barack Obama heißt: Alle fordern nochmal dazu auf, Telefonanrufe für sie zu erledigen, von Tür zu Tür zu gehen oder Geld zu spenden. Denn die Sorge ist vor allem bei den Demokraten groß, dass nicht genügend Wähler mobilisiert werden können. Viele aus meiner Nachbarschaft sind die restlichen vier Tage bis zur Wahl deshalb nochmal intensiv beim “Canvassing” in heiß umkämpften Staaten unterwegs. So auch Charley, ein Freund von mir. Charley ist Anwalt und heute Nachmittag nach Montana geflogen, um dort “voter protection” zu betreiben. Er wird aufpassen, dass jeder registrierte Wähler auch wirklich wählen darf. Denn einige Wähler werden einfach von den Listen gestrichen, zu weit entfernten Wahlbüros geschickt oder auch auf den Tag nach der Wahl vertröstet. So unglaublich es klingt, aber genau das ist 2000 und 2004 passiert, vor allem in Florida. Deshalb hat George W. Bush die Wahl überhaupt gewinnen können, meint Charley. Und er will nicht, dass dieses Jahr wieder die Republikaner gewinnen. Deshalb ist er für die Demokraten unterwegs, um “unerwünschten” Wählern zu ihrem Recht zu verhelfen. Native Americans zählen beispielweise dazu. Sie sind für die Demokraten eine wichtige Wählergruppe. Deshalb wird Charley am Dienstag auf einem Reservat arbeiten und im Notfall noch am gleichen Tag vor Gericht ziehen. Bevor er zum Flughafen gefahren ist, rief er mir zu: “Wir werden gewinnen. Wir werden eine komplett andere Welt haben, wenn ich zurück komme.”

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